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Erik Steinhagen
Erik Steinhagen, M.Sc.Gründer von Erikonomie
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Alphabet Inc. · GOOGL

Alphabet (GOOGL): Wie der zweifach verurteilte Suchmaschinen-Monopolist zum KI-Überflieger wurde

NASDAQ: GOOGL · Communication Services / Internet-Dienste · Analyse vom 5. August 2026

Kaum ein Konzern im Erikonomie-Datensatz vereint derzeit so viele gegensätzliche Schlagzeilen wie Alphabet. Auf der einen Seite: ein Erikonomie-Score von 88 von 100 Punkten, ein Google-Cloud-Geschäft, das im letzten Quartal um 82 Prozent wuchs, ein KI-Modell (Gemini 3), das binnen weniger Monate die öffentliche Wahrnehmung von "Google hinkt bei künstlicher Intelligenz hinterher" ins Gegenteil verkehrt hat, und ein Kurs-Gewinn-Verhältnis, das trotz alldem kaum über dem eigenen Branchendurchschnitt liegt. Auf der anderen Seite: gleich zwei rechtskräftige US-Bundesgerichtsurteile aus den Jahren 2024 und 2025, die Google als illegalen Monopolisten einstufen – einmal bei der Websuche, einmal im digitalen Werbegeschäft –, beide mit noch offenem Ausgang in der Berufung. Diese Analyse blickt auf ein Unternehmen, das gleichzeitig als Regulierungs-Sorgenkind und als heimlicher KI-Gewinner des Jahres 2026 gehandelt wird.

1. Von zwei Stanford-Doktoranden zu einem der wertvollsten Konzerne der Welt

Google entstand aus einem Forschungsprojekt zweier Stanford-Doktoranden: Larry Page und Sergey Brin entwickelten Mitte der 1990er-Jahre den PageRank-Algorithmus, der Webseiten nicht nach reiner Stichwort-Häufigkeit, sondern nach der Anzahl und Qualität eingehender Verlinkungen bewertete – ein damals deutlich treffsicherer Ansatz als die etablierte Konkurrenz. Am 4. September 1998 gründeten beide in einer gemieteten Garage in Menlo Park offiziell die Google Inc. Der entscheidende geschäftliche Kniff kam zwei Jahre später: 2000 führte Google mit AdWords ein Auktionssystem für textbasierte Suchanzeigen ein, das über die folgenden zwei Jahrzehnte zur mit Abstand wichtigsten Ertragsquelle des Konzerns werden sollte. Der Börsengang im August 2004 folgte einem für die Wall Street ungewöhnlichen Verfahren – einer öffentlichen Holländischen Auktion statt der klassischen Investmentbank-Zuteilung –, mit dem Page und Brin bewusst gegen die übliche IPO-Praxis opponierten.

Die folgenden Jahre waren geprägt von einer Serie prägender Zukäufe: 2006 übernahm Google die noch junge Video-Plattform YouTube für 1,65 Milliarden US-Dollar in Aktien, ein Jahr später folgte mit der rund 3,1 Milliarden US-Dollar teuren Übernahme von DoubleClick der Grundstein für das spätere Ad-Tech-Geschäft, das – wie der Abschnitt zu aktuellen Entwicklungen zeigt – heute Gegenstand eines der beiden Kartellverfahren ist. 2008 erschien mit Chrome ein eigener Webbrowser, ab 2010 setzte sich Android, ursprünglich 2005 zugekauft, als dominantes mobiles Betriebssystem durch. Nicht jeder Zukauf war ein Erfolg: Die 2012 für 12,5 Milliarden US-Dollar erworbene Handysparte Motorola Mobility – primär wegen ihres Patentportfolios gekauft – wurde bereits 2014 für nur 2,9 Milliarden US-Dollar an Lenovo weiterveräußert.

2015 vollzog Google einen radikalen strukturellen Schritt: Das operative Geschäft wurde unter der neu geschaffenen Holding Alphabet Inc. gebündelt, um die margenstarke Kernsuchmaschine buchhalterisch klarer von den experimentellen "Other Bets" – darunter das selbstfahrende Auto-Projekt Waymo, das damals noch als internes Forschungsprojekt firmierte – zu trennen. Larry Page wurde CEO von Alphabet, Sergey Brin Präsident, während der bisherige Produktchef Sundar Pichai die operative Führung von Google übernahm. 2019 zogen sich Page und Brin dann vollständig aus dem operativen Tagesgeschäft zurück; Pichai übernahm zusätzlich auch den CEO-Posten der Holding Alphabet – eine Rolle, die er bis heute innehat. Bemerkenswert und bis heute wirksam: Über eine dreistufige Aktienstruktur (Class A mit einer Stimme, Class B ausschließlich in Gründerhand mit zehn Stimmen, Class C ohne Stimmrecht) behalten Page und Brin trotz ihres Rückzugs aus dem Tagesgeschäft die faktische Stimmenmehrheit über den Konzern. Im Juli 2022 vollzog Alphabet einen Aktiensplit im Verhältnis 20:1, um die zuvor über 2.000 US-Dollar teure Aktie wieder zugänglicher zu machen. Den vorläufig jüngsten Wendepunkt markierte der 18. November 2025: Mit der gemeinsamen Vorstellung des KI-Modells Gemini 3 und der siebten TPU-Chipgeneration "Ironwood" gelang Alphabet ein von Branchenbeobachtern breit anerkannter Befreiungsschlag gegen die zuvor verbreitete Wahrnehmung, im KI-Wettlauf gegenüber OpenAI und Microsoft ins Hintertreffen geraten zu sein.

2. Wie eine Suchmaschine zum Betriebssystem des Internets wurde

Alphabet berichtet seine Geschäftszahlen in drei Segmenten: Google Services (Suche, YouTube-Werbung, Android, Chrome, Play Store, Hardware sowie Abonnementdienste wie YouTube Premium und Google One), Google Cloud (Infrastruktur- und Plattformdienste für Unternehmenskunden, zunehmend KI-getrieben) sowie Other Bets, das experimentelle Wetten wie Waymo bündelt. Im zweiten Quartal 2026 erzielte der Konzern einen Gesamtumsatz von 119,8 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Google Services blieb mit 94,5 Milliarden US-Dollar (plus 15 Prozent) der mit Abstand größte Umsatzträger, angeführt von der klassischen Suche mit 63,3 Milliarden US-Dollar (plus 17 Prozent) und YouTube-Werbung mit 11,1 Milliarden US-Dollar (plus 13 Prozent). Der eigentliche Wachstumstreiber liegt jedoch in Google Cloud: Mit 24,8 Milliarden US-Dollar Umsatz wuchs die Sparte um 82 Prozent gegenüber dem Vorjahr, das operative Ergebnis der Cloud-Sparte verdreifachte sich von 2,8 auf 8,8 Milliarden US-Dollar. Besonders aussagekräftig ist der Auftragsbestand ("Backlog") von 514 Milliarden US-Dollar – ein Indikator für bereits vertraglich zugesagte, aber noch nicht abgerechnete mehrjährige Cloud- und KI-Nachfrage.

Alphabets eigene Folie "Earnings Highlights" zum zweiten Quartal 2026: Alphabet-Gesamtumsatz +24 %, Google Cloud +82 % (514 Mrd. USD Backlog), Suche +17 %, YouTube-Werbung +13 %, rund 22 Mrd. Tokens pro Minute über die eigenen Modell-APIs, 950 Mio. monatlich aktive Gemini-App-Nutzer – Quelle: Alphabet Q2 2026 Earnings Presentation, Juli 2026
Quelle: Alphabet Q2 2026 Earnings Presentation, Juli 2026

Der Burggraben hinter diesen Zahlen ist ein klassischer, sich selbst verstärkender Daten-Netzwerkeffekt: Mehr Nutzer erzeugen mehr Suchanfragen und Verhaltensdaten, bessere Daten ermöglichen präzisere Werbe-Ausspielung, präzisere Werbung bedeutet höhere Preise pro Anzeige, höhere Werbeeinnahmen finanzieren bessere Produkte – und bessere Produkte ziehen wiederum mehr Nutzer an. Dieser Kreislauf läuft bei Google Search seit über zwei Jahrzehnten und hat sich über die Zeit zu einem kaum einholbaren Datenvorsprung verdichtet. Ähnliche Netzwerkeffekte prägen YouTube (mehr Zuschauer ziehen mehr Creator an, mehr Creator ziehen mehr Zuschauer an) und das Android/Play-Ökosystem. Bei Google Cloud speist sich der Vorteil zusätzlich aus einer strategischen Entscheidung, die Alphabet von praktisch jedem Wettbewerber unterscheidet: eigene, seit 2015 kontinuierlich weiterentwickelte KI-Beschleuniger-Chips namens Tensor Processing Unit (TPU). Mit der im November 2025 vorgestellten siebten Generation "Ironwood" laufen nach Unternehmensangaben bereits deutlich mehr als drei Viertel der Rechenlast hinter den eigenen Gemini-Modellen auf selbst entwickelten TPUs statt auf zugekaufter Fremd-Hardware – eine vertikale Integration, die Alphabet unabhängiger von externen Chip-Lieferanten macht und zugleich selbst zu einem Cloud-Angebot für Drittkunden wird.

Führung: Sundar Pichai leitet Google seit 2015 und zusätzlich seit 2019 die Holding Alphabet. CFO ist seit Juli 2024 Anat Ashkenazi, die zuvor 23 Jahre lang in Finanzfunktionen beim Pharmakonzern Eli Lilly tätig war, zuletzt als dessen CFO. Prabhakar Raghavan verantwortet als Chief Technologist die langfristige Technologiestrategie, Philipp Schindler als Chief Business Officer das weltweite Werbegeschäft.

3. Zwölf Jahre Wachstum, unterbrochen von genau zwei schwächeren Jahren

Alphabets Wachstum der vergangenen zwölf Geschäftsjahre verlief mit bemerkenswerter Konstanz – mit zwei auffälligen Ausnahmen, die sich beide gut erklären lassen.

JahrUmsatz (Mrd. USD)Nettogewinn (Mrd. USD)
201690,2719,48
2017110,8612,66
2018136,8230,74
2019161,8634,34
2020182,5340,27
2021257,6476,03
2022282,8459,97
2023307,3973,80
2024350,02100,12
2025402,84132,17
Erikonomie-Screenshot: Umsatz im Zeitverlauf für Alphabet, 2013 bis 2025 – Anstieg von 55,5 auf 402,8 Mrd. US-Dollar

2017 brach der Nettogewinn trotz eines Umsatzwachstums von 23 Prozent von 19,48 auf 12,66 Milliarden US-Dollar ein – Folge einer 2,42-Milliarden-Euro-Kartellstrafe der EU-Kommission wegen wettbewerbswidriger Bevorzugung des eigenen Preisvergleichsdienstes Google Shopping, der ersten von mittlerweile mehreren großen EU-Bußgeldern gegen den Konzern. 2022 wiederum sank der Gewinn trotz weiter wachsendem Umsatz von 76,03 auf 59,97 Milliarden US-Dollar – eine Kombination aus schwächerer Werbenachfrage im damaligen makroökonomischen Gegenwind sowie Bewertungsverlusten bei Alphabets umfangreichen Aktienbeteiligungen, die buchhalterisch durch die Gewinn- und Verlustrechnung laufen. Seit 2023 hat sich das Wachstum in beiden Kennzahlen wieder deutlich beschleunigt: Der Nettogewinn stieg von 73,80 (2023) über 100,12 (2024) auf 132,17 Milliarden US-Dollar (2025), ein Plus von 79 Prozent binnen zwei Jahren.

Auf Basis der letzten vier abgeschlossenen Quartale weist Erikonomie einen Gewinn je Aktie von 19,94 US-Dollar aus, eine Nettomarge von 54,8 Prozent und einen ROIC von 41,0 Prozent – beides deutlich über den bereits starken Zehnjahresschnitten von rund 23,5 Prozent Nettomarge beziehungsweise 20,6 Prozent ROIC. Das Gewinnwachstum je Aktie lag über die letzten elf verfügbaren Jahre bei durchschnittlich 23,8 Prozent pro Jahr – schneller noch als das Umsatzwachstum von 18,3 Prozent p.a., ein Ausdruck davon, dass Alphabet seine Marge über das Jahrzehnt kontinuierlich ausgebaut hat.

Erikonomie-Screenshot: Gewinn je Aktie im Zeitverlauf für Alphabet, 2014 bis 2025 – Anstieg von 1,03 auf 10,81 US-Dollar

Ein Dämpfer findet sich beim freien Cashflow der letzten vier Quartale: Mit 22,7 Milliarden US-Dollar liegt er spürbar unter dem, was das operative Geschäft eigentlich erwirtschaftet – Folge des massiv gestiegenen Investitionsprogramms in eigene Rechenzentren und KI-Infrastruktur, auf das der Abschnitt zu aktuellen Entwicklungen näher eingeht.

4. Netto-Cash trotz Rekord-Investitionsprogramm

Alphabets Bilanz gehört zu den robustesten im gesamten Erikonomie-Datensatz: Einer Gesamtverschuldung von 120,8 Milliarden US-Dollar stehen liquide Mittel gegenüber, die diese um 121,7 Milliarden US-Dollar übersteigen – eine Netto-Cash-Position, die in absoluten Zahlen sogar noch größer ausfällt als die von Nvidia. Das Verhältnis von Nettoverschuldung zu EBITDA ist damit rechnerisch negativ, der Verschuldungsgrad (Debt/Equity) liegt bei moderaten 0,19. Auffällig ist allerdings der jüngste Anstieg der Gesamtverschuldung: von 22,6 Milliarden US-Dollar (2024) auf 59,3 Milliarden US-Dollar (2025) – ein Anstieg um das rund 2,6-Fache binnen eines Jahres, die zu einem erheblichen Teil auf neu ausgegebene Anleihen zur Finanzierung des Rechenzentrums-Ausbaus zurückgeht. Angesichts eines EBITDA von 173,2 Milliarden US-Dollar in den letzten vier Quartalen bleibt dieser Anstieg gut abgesichert, ist aber ein Beleg dafür, dass selbst ein Cash-reicher Konzern wie Alphabet die aktuelle KI-Investitionswelle nicht mehr allein aus dem laufenden Cashflow stemmt.

Eine echte Zäsur in der Unternehmensgeschichte betrifft die Dividende: Alphabet zahlte in den ersten 26 Jahren seines Bestehens – von der Gründung 1998 bis 2023 – keinen einzigen Cent an die Aktionäre aus und reinvestierte stattdessen jeden verfügbaren Dollar oder nutzte ihn für Aktienrückkäufe. Erst im April 2024 kündigte Alphabet die erste Dividende der Firmengeschichte an, die seither bereits einmal angehoben wurde: von 0,60 US-Dollar je Aktie im ersten vollen Jahr auf 0,83 US-Dollar im zweiten. Bei einem aktuellen Kurs von rund 363 US-Dollar ergibt das eine noch sehr niedrige Rendite von etwa 0,25 Prozent – die eigentliche Bedeutung liegt weniger in der Höhe als im Symbolwert: Ein Unternehmen, das ein Vierteljahrhundert lang ausschließlich auf Wachstum und Rückkäufe gesetzt hat, signalisiert mit diesem Schritt eine neue Stufe finanzieller Reife, ähnlich wie es Nvidia mit seiner jüngsten Dividendenverzwanzigfachung demonstriert hat.

5. Zwei verlorene Monopol-Prozesse, ein KI-Comeback und 24 Milliarden Cloud-Dollar

Erikonomie-Screenshot: Kursverlauf der Alphabet-Aktie seit dem Börsengang 2004 – von rund 2,70 auf 363 US-Dollar (splitbereinigt)

Selten fielen bei einem einzelnen Unternehmen so viele grundlegend unterschiedliche Entwicklungen in ein und dasselbe Jahr wie bei Alphabet 2026.

Der Suchmonopol-Prozess. Im August 2024 stellte der zuständige Bundesrichter Amit Mehta fest, dass Google seine marktbeherrschende Stellung bei der Websuche durch wettbewerbswidrige Praktiken – vor allem milliardenschwere Zahlungen an Gerätehersteller wie Apple und Browser-Anbieter, um als Standardsuchmaschine voreingestellt zu werden – rechtswidrig aufrechterhalten habe. Im September 2025 verkündete das Gericht die Abhilfemaßnahmen: Google darf keine Exklusiv-Vereinbarungen dieser Art mehr abschließen und muss bestimmte Suchdaten mit Wettbewerbern teilen – eine vollständige Zerschlagung von Chrome oder Android, wie sie das US-Justizministerium gefordert hatte, blieb jedoch aus. Google legte im Mai 2026 Berufung ein, das Justizministerium und mehrere Bundesstaaten legten ihrerseits Anschlussberufung gegen die aus ihrer Sicht zu milden Auflagen ein. Eine mündliche Verhandlung vor dem Berufungsgericht wird frühestens Ende 2026 erwartet.

Der Ad-Tech-Monopol-Prozess. Ein zweites, unabhängiges Verfahren traf Google im April 2025: Eine Bundesrichterin in Virginia stellte fest, dass Google seine Marktmacht im digitalen Werbegeschäft rechtswidrig ausgenutzt habe, indem der eigene Publisher-Ad-Server an die eigene Anzeigenbörse gekoppelt wurde. Das Justizministerium fordert in der im Oktober 2025 abgeschlossenen Abhilfephase unter anderem die Abspaltung der Anzeigenbörse AdX, Google favorisiert stattdessen verhaltensbezogene statt struktureller Auflagen. Eine gerichtliche Entscheidung über das konkrete Ausmaß der Abhilfemaßnahmen steht bei Redaktionsschluss dieser Analyse noch aus.

Das KI-Comeback. Parallel zu den Gerichtsverfahren lieferte Alphabet technologisch das vermutlich stärkste eigene Jahr seit Langem. Am 18. November 2025 stellte der Konzern gemeinsam Gemini 3 und die siebte TPU-Generation "Ironwood" vor – nach übereinstimmender Einschätzung vieler Branchenbeobachter der Moment, in dem sich die öffentliche Wahrnehmung von "Google läuft OpenAI hinterher" spürbar drehte. Seither folgte in dichter Kadenz eine ganze Serie an Produktankündigungen: von Gemini 3.5 Flash über den Bildgenerator "Nano Banana Pro" bis zum experimentellen Coding-Agenten "Google Antigravity" und der Weltmodell-Forschung "Genie 3".

Alphabets eigene Folie "Shipping innovation at scale with incredible velocity": neun KI-Produkteinführungen zwischen November 2025 und Mai 2026, darunter Gemini 3, Nano Banana Pro, Gemini in Chrome, Gemini 3.5 Flash, Google Antigravity und Genie 3 – Quelle: Alphabet Q2 2026 Earnings Presentation, Juli 2026
Quelle: Alphabet Q2 2026 Earnings Presentation, Juli 2026

Die Cloud-Zahlen als Beleg. Die im vorigen Abschnitt beschriebenen 82 Prozent Umsatzwachstum bei Google Cloud und der Auftragsbestand von 514 Milliarden US-Dollar gelten vielen Beobachtern als das überzeugendste Argument dafür, dass das KI-Comeback nicht nur PR, sondern echtes Neugeschäft ist. Um diese Nachfrage zu bedienen, hat Alphabet sein Investitionsbudget für 2026 im Rahmen der Quartalszahlen im Juli 2026 auf 195 bis 205 Milliarden US-Dollar angehoben – zuvor waren 180 bis 190 Milliarden US-Dollar in Aussicht gestellt worden, was CEO Sundar Pichai nach eigener Aussage bereits Anfang 2026 nächtliche Sorgen um ausreichende Lieferkapazität bereitete.

6. Der Markt bewertet den KI-Aufholjäger kaum teurer als den eigenen Sektor

Das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis der Alphabet-Aktie liegt bei 18,2 – nahezu exakt auf Höhe des Erikonomie-Sektormedians für Communication-Services-Werte von 17,7 (Alphabet wird von Erikonomies Datenprovider diesem Sektor zugeordnet, nicht dem Technologiesektor, dem gängigen GICS-Klassifikationsstandard folgend). Gemessen am eigenen historischen Durchschnitt der letzten zehn Jahre (29,0) notiert die Aktie dagegen rund 37 Prozent günstiger – der mit Abstand größte Bewertungsabschlag unter den bislang bei Erikonomie analysierten Mega-Cap-Technologiewerten und ein deutlicher Kontrast zu Nvidias KGV von 33,9 oder Apples KGV von 34,8. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt bei 9,95, das Verhältnis von Unternehmenswert zu EBITDA bei 25,8.

Erikonomie-Screenshot: KGV im Zeitverlauf für Alphabet, 2014 bis 2025 – von 25,8 über einen Ausreißer von 58,5 im Jahr 2017 (EU-Kartellstrafe) zurück auf 29,0

Ein genauerer Blick auf Erikonomies Reverse-DCF-Rechnung liefert ein auf den ersten Blick überraschendes Bild: Auf Basis des aktuellen freien Cashflows von 22,7 Milliarden US-Dollar und desselben Diskontsatzes von 9,1 Prozent, der auch der Nvidia-Analyse zugrunde liegt, ergibt sich für Alphabet ein implizites Wachstum von rund 37,2 Prozent pro Jahr über zehn Jahre – höher noch als der entsprechende Wert für Nvidia (29,6 Prozent), obwohl Alphabets KGV nur gut halb so hoch ist wie das von Nvidia. Der Grund liegt nicht in einer aggressiveren Marktbewertung, sondern schlicht im Nenner der Rechnung: Weil der aktuelle freie Cashflow durch das massiv gestiegene Investitionsprogramm (siehe vorheriger Abschnitt) ungewöhnlich stark gedrückt ist, braucht es rechnerisch ein höheres künftiges Wachstum, um denselben heutigen Börsenwert zu rechtfertigen. Sobald sich die Investitionswelle normalisiert und mehr vom operativen Cashflow als freier Cashflow übrig bleibt, würde derselbe Kurs ein deutlich moderateres implizites Wachstum bedeuten – ein gutes Beispiel dafür, dass ein klassisches KGV und eine cashflow-basierte Kennzahl in Phasen hoher Investitionsintensität durchaus unterschiedliche Bilder zeichnen können.

7. Wo der Score glänzt – und wo die junge Dividende noch bremst

Erikonomie-Screenshot: die Score-Karte von Alphabet mit allen 10 Bewertungsbereichen im Detail

Mit 88 von 100 Punkten und einer vollständigen Datenqualität von 10 von 10 möglichen Punkten gehört Alphabet zu den am besten und zugleich vollständigsten bewerteten Aktien im Erikonomie-Datensatz. Gleich acht der zehn Bereiche erreichen die volle Punktzahl: ROIC (Zehnjahresschnitt 20,6 Prozent), Umsatzwachstum (18,3 Prozent p.a.), Gewinnwachstum je Aktie (23,8 Prozent p.a. über elf Jahre), Net Debt/EBITDA (Netto-Cash-Position), FCF-Marge (Zehnjahresschnitt 21,8 Prozent), Bewertung (37 Prozent unter dem eigenen historischen KGV-Schnitt), Kursperformance (24,6 Prozent p.a. über zehn Jahre) und Bilanzrobustheit (kein einziges Verlustjahr in den letzten zehn verfügbaren Jahren).

Zwei Bereiche weichen davon ab. Die Nettomarge erreicht mit 7,6 von 10 Punkten ein gutes, aber kein perfektes Ergebnis – bei einem Zehnjahresschnitt von 23,5 Prozent liegt Alphabet zwar deutlich über der unteren Zielmarke von 3 Prozent, aber noch unterhalb des Bandes, das die volle Punktzahl auslösen würde (in der laufenden TTM-Betrachtung mit 54,8 Prozent allerdings bereits deutlich darüber – ein Hinweis auf die zuletzt spürbar gestiegene Profitabilität). Am deutlichsten fällt der Abstand bei der Dividende aus: mit nur 0,8 von 10 Punkten der mit Abstand schwächste Bereich, allerdings aus einem strukturellen, nicht operativen Grund – da die im vorigen Abschnitt beschriebene erste Dividende der Firmengeschichte erst 2024 eingeführt wurde, fehlt der Score-Engine schlicht die für einen Wachstums-Teilscore nötige Mindesthistorie von fünf Jahren, weshalb nur die (noch niedrige) Rendite selbst in die Bewertung einfließt. Dieser Bereich dürfte sich in den kommenden Jahren mit wachsender Dividendenhistorie voraussichtlich spürbar verbessern.

8. Zwischen Daten-Flywheel, Waymo-Optionalität und einer offenen Kartellrechtsfrage

Alphabets größte Chance liegt in der Kombination aus etabliertem Kerngeschäft und neu bewiesener KI-Kompetenz. Der Cloud-Auftragsbestand von 514 Milliarden US-Dollar verschafft für mehrere Jahre Umsatzsichtbarkeit, die eigene TPU-Chipentwicklung reduziert die Abhängigkeit von externen Halbleiterherstellern und könnte sich mittelfristig selbst zu einem margenstarken Geschäft entwickeln, sollte Google überschüssige TPU-Kapazität verstärkt an Dritte vermieten – für die übernächste TPU-Generation (intern "Sunfish" und "Zebrafish" genannt, geplant für 2027) hat Alphabet erstmals getrennte Chips für Training und Inferenz angekündigt, in Zusammenarbeit mit den Auftragsdesignern Broadcom und MediaTek. Auch abseits der Kernsparten bietet Alphabet mit "Other Bets" eine langfristige Wachstumsoption, deren heutiger Wert im Konzernergebnis kaum sichtbar ist: Der Robotaxi-Anbieter Waymo kam Mitte 2026 auf rund 500.000 bezahlte Fahrten pro Woche in zehn US-Städten und peilt bis Jahresende eine Million wöchentliche Fahrten sowie den Sprung nach London und Tokio an – finanziert über eine externe Finanzierungsrunde von 16 Milliarden US-Dollar, die Waymo Anfang 2026 mit rund 126 Milliarden US-Dollar bewertete, ohne dass diese Bewertung im Alphabet-Aktienkurs gesondert ausgewiesen wird.

Symbolbild autonomes Fahrzeug: selbstfahrendes Auto im Stadtverkehr, stellvertretend für Alphabets Robotaxi-Tochter Waymo

Diesen Chancen stehen ernstzunehmende Risiken gegenüber. An erster Stelle die beiden noch nicht rechtskräftig abgeschlossenen Kartellverfahren: Sollte die Berufung im Suchmonopol-Fall scheitern oder sollte das Gericht im Ad-Tech-Verfahren tatsächlich eine Abspaltung der Anzeigenbörse AdX anordnen, wären das strukturelle Eingriffe in genau jene Geschäftsbereiche, die heute den Großteil des Konzerngewinns erwirtschaften – ein Risiko, das sich seiner Natur nach nicht verlässlich quantifizieren lässt, bevor die Gerichte entschieden haben. Zweitens bleibt offen, wie stark generative KI-Antworten (etwa in Form von AI Overviews oder eigenständigen Chat-Interfaces) das klassische Sucherlebnis und damit das dahinterliegende Werbegeschäft langfristig verändern – Wettbewerber wie OpenAI und Perplexity positionieren sich explizit als Alternative zur klassischen Suche, auch wenn Alphabets eigene Suchumsätze bislang weiter zweistellig wachsen. Drittens bindet das auf 195 bis 205 Milliarden US-Dollar angehobene Investitionsbudget für 2026 einen historisch hohen Anteil des Cashflows und setzt voraus, dass die damit finanzierte Rechenkapazität tatsächlich nachgefragt wird. Viertens schließlich bleibt die Doppelklassen-Aktienstruktur ein Governance-Risiko im weiteren Sinne: Anders als bei den meisten großen US-Konzernen haben Minderheitsaktionäre über die Class-A-Aktie faktisch keinen Einfluss auf grundlegende Unternehmensentscheidungen, da Page und Brin über ihre Class-B-Anteile die Stimmenmehrheit halten, obwohl sie seit 2019 keine operative Rolle mehr im Konzern ausüben.

9. Für welchen Anlegertyp Alphabet relevant sein könnte

Alphabet begründet die eigene Investment-These mit der seltenen Kombination aus einem jahrzehntealten, hochprofitablen Kerngeschäft und einer nach eigener Einschätzung wiederhergestellten KI-Führungsposition, finanziert aus einer der robustesten Bilanzen im gesamten Datensatz. Diese Analyse ordnet ein, sie empfiehlt nicht. Zwei unterschiedliche Blickwinkel lassen sich aus den oben beschriebenen Fakten ableiten:

Ein Szenario für wachstumsorientierte, KI-fokussierte Anleger: Wer der Auffassung ist, dass Gemini 3, die eigene TPU-Chipentwicklung und der 514-Milliarden-Dollar-Cloud-Auftragsbestand einen echten, nachhaltigen KI-Aufholprozess belegen, könnte in einem KGV nahe dem Sektordurchschnitt bei gleichzeitig überdurchschnittlichem Erikonomie-Score einen im Mega-Cap-Vergleich ungewöhnlich moderat bewerteten Zugang zum KI-Thema sehen.

Ein Szenario für regulierungs- und governance-sensible Anleger: Wer dagegen Wert auf Rechtssicherheit und Mitspracherechte legt, könnte die Kombination aus zwei noch nicht final entschiedenen Kartellverfahren mit potenziell strukturellen Eingriffen in das Kerngeschäft und einer Aktienstruktur, die Minderheitsaktionären kaum Einfluss auf die Unternehmensführung einräumt, als Gründe sehen, den Ausgang dieser offenen Fragen zunächst abzuwarten.

Welches dieser Szenarien näher an der eigenen Anlagephilosophie liegt, kann diese Analyse nicht entscheiden – dafür braucht es die individuelle Risikobereitschaft und den Anlagehorizont jeder einzelnen Person.


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Verfasst von

Erik Steinhagen

Erik Steinhagen (M.Sc.)

Gründer von Erikonomie

Erik ist seit mehr als zehn Jahren an der Börse aktiv und hat sich in dieser Zeit ein fundiertes, praxisnahes Wissen über Kapitalmärkte und Unternehmensanalyse erarbeitet. Nach mehreren Jahren in der Managementberatung bei Deloitte, wo er komplexe Projekte gesteuert hat, ist er heute in der Vermögensverwaltung und im Portfoliomanagement tätig und verantwortet dort die Betreuung und Weiterentwicklung von Anlagestrategien.

Diese Kombination aus analytischer Präzision und praktischer Kapitalmarkterfahrung ist die Grundlage von Erikonomie: Erik möchte fundierte Aktienanalyse verständlich und unabhängig zugänglich machen – ohne unnötigen Fachjargon.

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